Rezension einer Ausstellung
im Världskulturmuseet (The Museum of World Culture)
in Göteborg, Schweden
Ein halbdunkler Saal. Aufgeregtes Gemurmel des Publikums. Helle Scheinwerfer zentrieren die Aufmerksamkeit auf den Laufsteg, atmosphärische Musik brandet auf. Künstlerische Projektionen tanzen über die Wände und die Wartenden. Das erste Model betritt den Laufsteg. Blitzlichtgewitter.
Dieses Szenario ist auch abseits der Fashion-Szene durchaus vertraut: Seit Jahrzehnten werden Jahr für Jahr neue Staffeln von Model-Castingshows produziert. Die Werbeindustrie ist voll von Bildern schöner Menschen in neuesten Outfits und Models auf den Laufstegen der Metropolen. Die großen Shows schaffen es sogar hin und wieder in alltägliche Nachrichtensendungen. Wenn das Stichwort „Mode“ fällt, werden Orte wie Mailand und Paris, New York oder Berlin; Namen wie Coco Chanel, Giorgio Armani, Donnatella Versace, Karl Lagerfeld oder Miuccia Prada assoziert. An Indigene denkt bei „Fashion“ wohl kaum jemand.
Zugegebenerweise: Auch ich nicht — bisher.
Ich bin zwar auch privat keine Fashionista, aber ich versuche up to date zu bleiben, was so auf der Welt passiert und verfüge über ein ganz gutes Allgemeinwissen. Und: Ich interessiere und beschäftige mich seit meinem 10. Lebensjahr mit den Indigenen Nordamerikas, habe Anthropologie studiert und für meine Diplomarbeit in Kanada geforscht. Ich bin nun schon seit einiger Zeit aktiv bei AKIN (Verein Arbeitskreis Indianer Nordamerikas in Wien). Eines meiner Hauptanliegen in der Thematik ist das Aufzeigen aktueller indigener Lebensrealitäten und das Erweitern von Perspektiven jenseits von Klischees und rein historischer, verstaubter Bilder. Ich weiß Bescheid über die Vielfalt indigener Kulturen – auch im Bekleidungsstil. Dennoch war mir bisher nicht bewusst, dass es eine aktive und erfolgreiche indigene Modeszene gibt. Warum auch nicht? Schließlich ergreifen Indigene heute alle erdenklichen Berufe und sind dort erfolgreich. Warum also nicht in der Modebranche?
Jedenfalls war ich begeistert, als ich auf Urlaub in Göteborg, Schweden, zufällig ein Werbeplakat zur Ausstellung „Native American Fashion: From Roots to Runway“ entdeckte.

Plakat der Ausstellung „Native American Fashion: From Roots to Runway“, The Museum of World Culture, Göteborg / Schweden
Meine Neugier war sofort geweckt und zwei Tage später stand ich deshalb nicht nur selbst vor dem Världskulturmuseet, sondern hatte auch noch drei Viertel unserer Reisegruppe angesteckt. Wir ließen das Standardprogramm eines Schwedenurlaubs – Kanelbullar, Wikinger, Astrid Lindgren und Elche – für einen Tag beiseite und tauchten ein in die beeindruckende Welt indigener Modedesigner:innen.

Ausstellung „Native American Fashion: From Roots to Runway“ im Världskulturmuseet (The Museum of World Culture) in Göteborg, Schweden
Da ich kein Bild von der heutigen indigenen Modeszene hatte, betrat ich die Ausstellung ohne spezifischen Erwartung. Nach dem Besuch hatte ich nicht nur meinen Horizont erweitert, viele spannende Informationen gelesen und einen Kopf voll wirbelnder Bilder und Eindrücke, sondern auch vier besondere Gründe, warum diese Ausstellung unbedingt einen Besuch wert ist. Diese möchte ich hier mit Ihnen teilen:
1. Appreciation vs. Appropriation — Ein Knigge für die indigene Modewelt
In den letzten Jahren gab es online und offline viele Kontroversen bzgl. der (politisch) korrekten Verwendung von Begriffen, aber auch von Frisuren, Musik und Bekleidung von Ethnien und Minderheiten. Dementsprechend stellt sich auch hier die Frage: Darf ich denn nun indigene Mode tragen als Mensch ohne indigene Wurzeln? Die Ausstellung lässt die Besucher:innen hier nicht hängen oder im Dunklen tappen und widmet der Frage gleich zu Beginn ein eigenes Panel. Unter der Überschrift „Cultural Appreciation vs. Appropriation“ werden Antworten gegeben:
„Can Non-Native people wear Native fashion? The simple answer is yes – when done with respect.“
Die Ausstellung klärt anschließend aber über den wichtigen Unterschied zwischen „Appreciation“ und „Appropriation“ auf:
Wer indigene Mode kauft und trägt und dabei die Kunstfertigkeit, Kreativität, Kultur und Geschichten, die diese Kleidungsstücke erzählen, respektiert, der schätzt indigene Mode wert – „Appreciation“ findet statt.
Wer hingegen fälschlicher Weise eine indigene Identität vorgibt, sakrale oder zeremonielle indigene Kleidung im Alltag trägt oder von Labels kauft, die indigene Ästhetik kopieren ohne die Communities oder die Künstler:innen um Erlaubnis zu fragen oder sie zu entschädigen, der beutet Indigene aus und eignet sich unrechtmäßig deren intellektuelles Eigentum an. Dann handelt es sich um „Appropriation“.
Die Kurator:innen der Ausstellung ermutigen bewusst Besucher:innen authentische Mode indigener Designer:innen zu tragen, diese so zu unterstützen und bekannter zu machen, sowie ehrlichen Respekt gegenüber indigenen Kulturen und der Kreativität indigener Designer:innen zu zeigen.
2. Basic Facts — Indigene Kulturen für Dummies
Die Ausstellung im Världskulturmuseet ist kompetent, professionell und fachkundig kuratiert, schafft es aber dennoch, sehr niederschwellig zu sein. Wenn ich mit meinem Partner, Familienangehörigen oder Freund:innen bisher Ausstellungen zu indigenen Themen besucht habe, erhielt ich oft das positive Feedback, dass mein zusätzliches Wissen den Besuch erst richtig spannend machte bzw. notwendig war, um Hintergründe zu verstehen. Nicht so dieses Mal.
In der Ausstellung werden immer wieder „Basic Facts“ über Indigene Nordamerikas präsentiert – zwischendurch und unauffällig, aber dort wo und im notwendigen Ausmaß, um ein breites Publikum nicht nur anzusprechen, sondern auch weiterzubilden.
So wird etwa gleich zu Beginn erwähnt, wie viele Stämme bzw. Indigene Nationen es heute in den USA und Kanada gibt. Es gibt eine große Schautafel mit einer Landkarte, die die großen Kulturräume zeigt und den Begriff „Turtle Island“ (indigene Bezeichnung für Nordamerika) erklärt. So wird auf die große Vielfalt indigener Kulturen hingewiesen – es gibt eben viel mehr Indianer als nur diejenigen mit Federschmuck auf Bisonjagd.

Landkarte „Turtle Island“ im Rahmen der Ausstellung
Es wird außerdem geklärt, wer sich als Native Designer bezeichnen darf: Angehörige eines auf staatlicher Ebene anerkannten Stammes, die zusätzlich durch einen Stammesrat zertifiziert sind. Auch bei einzelnen Exponaten gibt es immer wieder Erklärungen: Was ist ein Pow Wow? Wer sind die Anishinaabe?
Da vor allem indigene Streetwear oft sehr politisch ist, wird ein Abriss der Geschichte indigenen Widerstandes gegeben mit einem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und der Gegenwart. Das Thema der „Missing and Murdered Indigenous Women“ wird angesprochen und Hintergründe erläutert. Es gibt auch historische Exponate, die die Kunstfertigkeit indigener Kulturen im Lauf der Geschichte zeigen und Zitate und Bezüge moderner Designer:innen in ihren Kollektionen offenlegen und verständlich machen. So werden viele unterschiedliche Mokassins gezeigt, aber am Ende der Vitrine sind verschiedene „special editions“ moderner Sportschuhe und Sneakers von indigenen Designer:innen in Zusammenarbeit mit bekannten Marken zu sehen.
Diese Art, Hintergrundwissen und Kontext nahezu beiläufig zu vermitteln, hat mir sehr gut gefallen. So manche:r Fashionista weiß nach einem Besuch der Ausstellung nun eben auch gar nicht so wenige „Basic Facts“ über Indigene Nordamerikas – abseits von gängigen Klischees.
3. An Exhibition in Dialogue — Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Es wird durchgängig vermittelt und betont, dass es sich hier nicht um eine Ausstellung über, sondern um eine Ausstellung mit Indigenen handelt.
Gleich am ersten Panel wird darauf hingewiesen, dass die Ausstellung im Dialog mit vielen Designer:innen und Expert:innen aus den USA und Kanada kuratiert wurde. In der Ausstellung kommen viele Designer:innen persönlich in Videos zu Wort. Ihre Labels werden nicht nur durch die ausgestellten Outfits, sondern auch mittels Plakaten mit weiterführenden Informationen vorgestellt.
Viele Outfits wurden für die Ausstellung vom Museum erworben und am Ende werden nochmals alle Designer:innen, die in der Ausstellung vorkommen, namentlich mit ihrer Stammeszugehörigkeit erwähnt.
4. Streetwear — Mode für Normalsterbliche
Mein letztes Argument, warum diese Ausstellung so gelungen ist, ist ein wenig egozentrischer: Ein Teil der Ausstellung widmet sich nicht der High Fashion, sondern Streetwear. Dies ist spannend, da die indigene Streetwear-Szene sehr politisch und aktivistisch ist und die Outfits daher inhaltlich sehr interessant, kreativ und oft auch sehr humorvoll sind. Aber es macht auch die Aufforderung, indigene Mode zu kaufen, die indigene Modeszene auf diesem Weg zu unterstützen und sie durch das Tragen bekannt zu machen, tatsächlich möglich. Die meisten Besucher:innen befinden sich vermutlich nicht in Gehaltsklassen, die das Erwerben von Outfits frisch vom Laufsteg ermöglichen. Streetwear ist hingegen leistbar. Gleich im Museumsshop gab es z.B. T‑Shirts und Taschen von einem der vorgestellten Streetwear-Labels. Und somit bin nun auch stolze Besitzerin authentischer Native Fashion:

Die Autorin Monika Gamillscheg mit Native Streetwear: Shirt von Jeremy Arviso (Navajo und Hopi) mit dem Label „The Original Landlords“.
Da mir bewusst ist, dass nicht jede:r Leser:in in den nächsten Monaten die Gelegenheit haben wird, eine Ausstellung in Schweden zu besuchen, möchte ich abschließend drei Exponate vorstellen, die ich besonders beeindruckend fand und Ihnen so zumindest einen kleinen digitalen Einblick in die Ausstellung „Native American Fashion: From Roots to Runway“ ermöglichen:
Ich mag Kunstobjekte, die ich verstehen kann, aber die mich trotzdem überraschen, die einen Aha-Effekt erzeugen und mich zum Schmunzeln bringen. Gern ziehe ich dann den Hut vor einem genialen Einfall oder bin schwer beeindruckt, von der Einfachheit einer unglaublich kreativen Idee.

Outfit aus Raumschiff-Folie, Designerin Wendy Ponca (Osage)
Dieses Outfit der Osage-Designerin Wendy Ponca wurde aus der Folie hergestellt, die normalerweise in Raumschiffen für Missionen ins Weltall verwendet wird. Die Schöpfungsmythe der Osage erzählt, dass ihr Volk der Ehe der „Earth People“ mit den „Sky People“ entstammt. Durch die Verwendung des spezifischen Materials und des futuristischen Designs stellt die Designerin die Verbindung zu ihren mythischen Wurzeln ästhetisch her. Eigentlich einfach, aber sehr cool.
Indigene Kulturen gibt es nicht nur in Nordamerika. Bei einer Reise auf die Philippinen verbrachte ich einige Tage bei den dortigen indigenen Igorot in der Cordillera und lernte, dass sich die Geschichte indigener Ethnien oft überraschend ähnelt und dass ihre heutigen Probleme und Herausforderungen oft dieselben sind, egal wo sie leben.

Designer The Son of Picasso aka Ben Nelson (Kiowa, Diné, Taos Pueblo)
Dieses Outfit sieht aus wie aus einem japanischen Anime- oder Manga-Comic. Dies ist nicht ohne Grund so: Der indigene amerikanische Künstler und Designer The Son of Picasso aka Ben Nelson (Kiowa, Diné, Taos Pueblo) fokussiert sich mit seiner Marke „Products of my Environment“ auf Nachhaltigkeit, Wiederverwendung, Recycling und ethische Herstellung von Mode.
Dieses Outfit heißt „Virgin Mary“ und nimmt Bezug auf die vielen Mariendarstellungen, die den Designer in New Mexico ständig umgaben und es sind zwei zusammenpassende Outfits, weil er Vater von Zwillingen ist. The Son of Picasso fand außerdem heraus, dass sein Stamm und eine indigene Ethnie in Japan dieselbe komplizierte Nähtechnik verwenden und initiierte daraufhin eine Zusammenarbeit, deren Ergebnis diese Exponate sind. Die globale Vernetzung Indigener ist somit nicht nur im Bezug auf ihren andauernden Kampf um indigene Rechte wichtig, sondern offensichtlich auch kreativ äußerst ansprechend und interessant.

Infrared dress — Designer Jontay Kahm (Plains Cree); Fotografin: Beatrice Törnros / The National Museums of World Culture
Indianer und Federschmuck, das passt zusammen. Das kennen wir. Und trotzdem macht das Outfit des jungen Plains Cree Designer Jontay Kahm Gänsehaut. Er verwendet in seinen Kollektionen nicht nur Federn in allen Formen, Größen und Farben, sondern auch andere „klassisch indianische“ Materialien wie Perlen. Kahms Outfits sind extravagant und voluminös:
“I played around with the idea of feather dresses, bustles, and ribbon dresses- takin ribbon skirts and making them ribbon gowns,” (Kahm: https://www.vogue.com/article/jontay-kahm-indigenous-designer-debut-collection)
Ich mag die intensiven Farben und finde es genial, wie der Designer selbstbewusst und extrovertiert mit Klischees spielt und seinen Wurzeln folgend etwas komplett Neues und Eigenständiges kreiert.
In diesem Artikel habe ich drei Exponate exemplarisch vorgestellt, aber es gibt soviel mehr im Världskulturmuseet zu bewundern. Vor allem die Kleider, die mit roten Bändern oder blutigen Handabdrücken auf die Murdered and Missing Indigenous Women aufmerksam machen, berührten mich tief und die Kraft der politischen Designs, aber auch ihr Humor, waren beeindruckend.
Aber dieser Artikel soll schließlich nicht spoilern, sondern neugierig machen und zum Besuchen der Ausstellung motivieren: Denn es gibt dort noch viel mehr zu entdecken!
Beenden möchte ich meine Rezension der Ausstellung „Native American Fashion: From Roots to Runway“ und unseren kleinen Ausflug in die Welt der indigenen Modedesigner:innen mit einem Zitat aus der Ausstellung:
„For many of the artists, a major driving force is to show that they still exist.“
Und das gelingt ihnen eindeutig: Die indigene Modeszene ist kreativ, vielfältig, tief mit ihren Wurzeln verbunden und gleichzeitig am Puls der Zeit, frech, innovativ, wunderschön und aussagekräftig. Sie ist in meinen Augen ein unglaublich starkes und erfolgreiches Statement für die Lebendigkeit indigener Kultur und ich bin froh, dass ich sie kennenlernen durfte. Ich werde sie ganz sicher weiterverfolgen und auch weiter tragen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Monika Gamillscheg

NATIVE AMERICAN FASHION
April 11, 2025 — November 2, 2026
Världskulturmuseet / The Museum of World Culture
in Göteborg, Schweden
Zur Autorin:
Monika Gamillscheg engagiert sich seit Herbst 2021 im Arbeitskreis Indianer Nordamerikas. Die studierte Kultur- und Sozialanthropologin forschte für ihre Diplomarbeit über die Kunst der First Nations in Vancouver, Kanada (https://utheses.univie.ac.at/detail/12059#). Sie arbeitete u.a. bei der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und beschäftigte sich in dieser Tätigkeit weiterhin mit indigenen Völkern, z.B. auf den Philippinen. Seit 2018 unterrichtet sie als Quereinsteigerin über Teach for Austria an Wiener Mittelschulen.
Fotos:
Infrared dress — Designer Jontay Kahm (Plains Cree); mit freundlicher Genehmigung der Fotografin Beatrice Törnros / The National Museums of World Culture:
https://www.varldskulturmuseet.se/en/exhibitions/native-american-fashion/
Alle anderen Fotos: © Monika Gamillscheg
